ANTIGONE. EIN REQUIEM / DIE POLITIKER

Von Thomas Köck / Wolfram Lotz
Regie: Franz-Xaver Mayr
Premiere: 4. Dezember 2021
ROLLEN: KREON (antigone. ein requiem) / ENSEMBLE (Die Politiker)

Wer übernimmt in diesem Land eigentlich die Verantwortung?

An die Strände werden Leichen gespült, dorthin, wo sich die Bürger*innen sonst sonnen. Zahllose unverwandte, anonyme, fremde Körper. Der Chor fragt sich, wen diese Toten etwas angehen. Etwa ihn selbst, die Bürger*innen, oder Kreon, den Herrscher? Das Fundament der heimischen Demokratie ist fragil, weiß der Chor. Möglicherweise wird es einstürzen angesichts zu vieler fremder Leichen? Kreon zumindest will von ihnen nichts wissen, es sind nicht seine Toten. Aber Antigone fühlt sich verantwortlich: Sie packt die Körper aus den eilig herbeigeschafften Säcken und schleift sie in die Stadt. Die Diskussion um den Umgang mit den herangespülten Namenlosen, nicht Identifizierbaren, spaltet Theben. Nicht der tote Bruder steht im Zentrum dieser „Rekomposition“, wie Autor Thomas Köck sein Stück antigone. ein requiem bezeichnet. In seiner Bearbeitung des antiken Stoffes von Sophokles entwickelt sich der Konflikt zwischen Kreon und Antigone zu einem Diskurs über Menschenrechte, Werte und politische Praxis. Denn Kreon sieht keine Verantwortung an dem Schicksal dieser Toten. Vielmehr steht ihm der Sinn nach einer neuen, neoliberal geprägten Zeit, die den Staat aus seiner sozialen Verantwortung entbindet und Macht bei ihm bündelt.

Auch Autor Wolfram Lotz stellt die Frage nach der Erwartungshaltung an unsere „Volksvertreter“. Sein großes Sprachgedicht Die Politiker sammelt all die hohen und hohlen Ansprüche, die wir an „die Politiker“ stellen. In Wortkaskaden ergießt sich das, was sie können, müssen, dürfen, sollen, nicht sollen und nicht dürfen und überhaupt nicht dürfen, über uns und bohrt sich immer tiefer ins Gehör und ins Gehirn. Und ins Privatleben. Denn am Ende sind wir auch Politiker*innen unserer selbst.

Lotz’ Text, ausdrücklich verfasst zur Kombination mit anderen Theaterstücken, verbindet sich an diesem Abend mit Köcks Antiken-Neukomposition. Zwei zeitgenössische Autoren in einem spannenden Dialog über die Rolle jeder*s Einzelnen im großen politischen Gesellschafts-Spiel.